Wer zum ersten Mal Schutzhandschuhe für einen Betrieb bestellt, steht schnell vor einer unübersichtlichen Auswahl. Allein ein Hersteller wie Ansell führt Dutzende Modelle – dünne Montagehandschuhe, Schnittschutzhandschuhe, lange Chemikalienschutzhandschuhe, Hitze- und Kälteschutz. Auf jedem stehen Piktogramme mit Ziffern- und Buchstabenreihen wie 4342B, JKLOPT oder X1XXXX.
Dieser Beitrag erklärt, warum es so viele unterschiedliche Handschuhe gibt, welche Normen dahinterstehen, wie sich die Codes lesen lassen und worauf es bei der Auswahl wirklich ankommt. Als Beispiele dienen Modelle aus dem Ansell-Sortiment.
Warum gibt es so viele unterschiedliche Schutzhandschuhe?
Der Grund ist einfach: Es gibt keinen Handschuh, der gegen alles schützt. Ein Material, das scharfe Kanten abhält, ist meist nicht dicht gegen Flüssigkeiten. Ein Handschuh, der Lösemitteln lange standhält, ist oft dick und schränkt das Tastgefühl ein. Und was vor Hitze isoliert, ist für feine Montagearbeiten zu steif.
Jeder Schutzhandschuh ist deshalb ein Kompromiss aus Schutzwirkung, Tragekomfort, Griff und Fingerfertigkeit – zugeschnitten auf eine bestimmte Gefährdung. Die wichtigsten Gefährdungsarten sind:
- mechanische Risiken: Abrieb, Schnitt, Weiterreißen, Durchstich, Stoß
- chemische Risiken: Reinigungs- und Lösemittel, Säuren, Laugen
- biologische Risiken: Bakterien, Pilze, Viren
- thermische Risiken: Kontakthitze, Flammen, Strahlungswärme, Kälte
Dazu kommen Anforderungen aus dem Arbeitsumfeld: Griff bei öligen Teilen, Lebensmittelkontakt, antistatische Eigenschaften oder die Länge der Stulpe. Aus diesen Kombinationen entstehen die vielen Modelle.
Die Grundlage: PSA-Verordnung und drei Kategorien
Schutzhandschuhe sind persönliche Schutzausrüstung (PSA) und fallen unter die EU-Verordnung (EU) 2016/425. Sie teilt PSA nach der Schwere des Risikos in drei Kategorien ein:
| Kategorie | Risiko | Beispiele |
|---|---|---|
| I | ausschließlich geringfügige Risiken | oberflächliche mechanische Verletzungen, schwach aggressive Reinigungsmittel, heiße Oberflächen bis 50 °C |
| II | alle Risiken, die weder unter I noch unter III fallen | typische Montage- und Schnittschutzhandschuhe |
| III | Risiken mit sehr schwerwiegenden Folgen wie Tod oder irreversiblen Gesundheitsschäden | gesundheitsgefährdende Chemikalien, biologische Agenzien, starke Hitze |
Je höher die Kategorie, desto strenger die Prüfung. Bei Kategorie III wird die Produktion zusätzlich von einer notifizierten Stelle überwacht, deren vierstellige Kennnummer hinter dem CE-Zeichen steht. Ein Beispiel: Der Ansell AlphaTec Solvex 37-675 ist als PSA der Kategorie III mit der notifizierten Stelle 0493 gekennzeichnet.
Zu jedem Handschuh gehören außerdem eine EU-Konformitätserklärung und eine Informationsbroschüre des Herstellers. Sie erklärt unter anderem die erreichten Schutzstufen, die Bedeutung der Kennzeichnung sowie Hinweise zu Lagerung, Pflege und Verfallzeit.
EN ISO 21420: die allgemeinen Anforderungen
Jeder Schutzhandschuh muss die allgemeinen Anforderungen der EN ISO 21420:2020 erfüllen, die die frühere EN 420 abgelöst hat. Sie gilt nie allein, sondern immer zusammen mit einer der speziellen Normen. Geregelt werden unter anderem Größen, Kennzeichnung und Unschädlichkeit – etwa ein pH-Wert der Materialien zwischen 3,5 und 9,5 oder Grenzwerte für Chrom VI in Leder.
EN 388: Schutz vor mechanischen Risiken
Die wichtigste Norm für Arbeitshandschuhe ist die EN 388:2016+A1:2018. Unter dem Piktogramm mit dem Hammer stehen bis zu sechs Stellen. Die ersten vier sind Ziffern, danach folgen ein Buchstabe und optional ein „P“.
| Stelle | Eigenschaft | Stufen |
|---|---|---|
| 1 | Abriebfestigkeit | 0 bis 4 |
| 2 | Schnittfestigkeit (Coup-Test) | 0 bis 5 |
| 3 | Weiterreißfestigkeit | 0 bis 4 |
| 4 | Durchstichfestigkeit | 0 bis 4 |
| 5 | Schnittfestigkeit (TDM-Test nach EN ISO 13997) | A bis F |
| 6 | Stoßschutz (optional) | P = bestanden |
Ein „X“ bedeutet, dass die Eigenschaft nicht geprüft wurde oder nicht anwendbar ist. Je höher die Ziffer oder je weiter hinten der Buchstabe im Alphabet, desto höher die Leistung.
Warum zwei Schnitttests?
Der ältere Coup-Test arbeitet mit einer rotierenden Klinge. Bei sehr schnittfesten Garnen, etwa mit Glasfaser oder Stahl, stumpft diese Klinge während der Prüfung ab – das Ergebnis wäre dann zu gut. In diesen Fällen ist nach Herstellerangaben der TDM-Test maßgeblich, und an der zweiten Stelle steht ein X. Die Norm selbst weist darauf hin, dass zwischen beiden Methoden keine Korrelation besteht. Für die Einschätzung des Schnittschutzes ist deshalb der Buchstabe A bis F die verlässlichere Angabe. Er steht für eine Schnittkraft von 2 Newton (A) bis 30 Newton (F).
Zwei Beispiele zum Lesen
- 4342B beim Ansell HyFlex 11-724: Abrieb 4, Schnitt 3, Weiterreißen 4, Durchstich 2, TDM-Schnittfestigkeit B. Ein Handschuh für mittlere Schnittgefährdung bei Montage und Materialhandling.
- 3131A beim Ansell HyFlex 11-800: Abrieb 3, Schnitt 1, Weiterreißen 3, Durchstich 1, TDM A. Ein Mehrzweckhandschuh für Greif- und Montagearbeiten, bei denen Griff und Tastgefühl wichtiger sind als hoher Schnittschutz.
Handschuhe mit erhöhtem Schnittschutz finden Sie gesammelt unter Schnittschutzhandschuhe, beschichtete Strickhandschuhe für allgemeine Montagearbeiten unter Montagehandschuhe.
EN ISO 374: Schutz vor Chemikalien und Mikroorganismen
Für Chemikalienschutzhandschuhe gilt die Normenreihe EN ISO 374. Das Piktogramm zeigt einen Erlenmeyerkolben, darunter stehen der Typ und Kennbuchstaben. Die Buchstaben verweisen auf eine Liste von 18 Prüfchemikalien:
| Buchstabe | Prüfchemikalie | Buchstabe | Prüfchemikalie |
|---|---|---|---|
| A | Methanol | J | n-Heptan |
| B | Aceton | K | Natriumhydroxid 40 % |
| C | Acetonitril | L | Schwefelsäure 96 % |
| D | Dichlormethan | M | Salpetersäure 65 % |
| E | Kohlenstoffdisulfid | N | Essigsäure 99 % |
| F | Toluol | O | Ammoniakwasser 25 % |
| G | Diethylamin | P | Wasserstoffperoxid 30 % |
| H | Tetrahydrofuran | S | Flusssäure 40 % |
| I | Ethylacetat | T | Formaldehyd 37 % |
Geprüft wird die Durchbruchzeit, also die Zeit, bis die Chemikalie in messbarer Menge auf der Innenseite ankommt. Daraus ergeben sich sechs Leistungsstufen von mehr als 10 Minuten (Stufe 1) bis mehr als 480 Minuten (Stufe 6). Je nachdem, gegen wie viele Chemikalien welche Stufe erreicht wird, unterscheidet die Norm drei Typen:
- Typ A: mindestens Stufe 2 (mehr als 30 Minuten) gegen mindestens sechs Prüfchemikalien
- Typ B: mindestens Stufe 2 gegen mindestens drei Prüfchemikalien
- Typ C: mindestens Stufe 1 (mehr als 10 Minuten) gegen mindestens eine Prüfchemikalie
Alle drei Typen müssen zusätzlich dicht sein. Der AlphaTec Solvex 37-675 erreicht zum Beispiel Typ A mit dem Code JKLOPT, der Nitril-Einweghandschuh Ansell TouchNTuff 92-600 Typ B mit dem Code JKPT – also n-Heptan, Natronlauge 40 %, Wasserstoffperoxid 30 % und Formaldehyd 37 %.
Schützt ein Handschuh zusätzlich vor Mikroorganismen, trägt er nach EN ISO 374-5 das Biogefährdungs-Piktogramm. Der Zusatz „VIRUS“ darf nur stehen, wenn auch auf Viren geprüft wurde. Eine Auswahl finden Sie unter Chemikalienschutzhandschuhe.
Durchbruchzeit ist nicht gleich Tragezeit
Der wichtigste Punkt beim Chemikalienschutz wird oft übersehen: Die Durchbruchzeit wird im Labor bei 23 °C bestimmt. Im getragenen Handschuh herrschen jedoch etwa 33 °C, und die Chemikalie dringt schneller durch. Die TRGS 401 weist darauf hin, dass sich die angegebene Durchbruchzeit unter Praxisbedingungen im Einzelfall bis auf ein Drittel verkürzen kann. Das Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) nennt sogar etwa ein Viertel und empfiehlt, nach Chemikalienkontakt höchstens ein Viertel der vom Hersteller angegebenen Tragedauer zu nutzen.
Auch ohne Kontakt mit Chemikalien sind Chemikalienschutzhandschuhe laut TRGS 401 spätestens arbeitstäglich zu wechseln. Die Buchstaben auf dem Piktogramm sagen außerdem nur etwas über die 18 Prüfchemikalien aus. Für das konkrete Reinigungs- oder Desinfektionsmittel im Betrieb sind Abschnitt 8.2 des Sicherheitsdatenblatts und die Beständigkeitsangaben des Handschuhherstellers maßgeblich.
EN 407 und EN 511: Hitze und Kälte
Für thermische Risiken gibt es zwei eigene Normen. Die EN 407:2020 (Flammen-Piktogramm) bewertet sechs Eigenschaften:
- Begrenzte Flammenausbreitung: wie schnell der Handschuh nach Beflammung verlischt
- Kontaktwärme: Stufe 1 bis 4 entsprechen 100, 250, 350 und 500 °C bei mindestens 15 Sekunden Schutz
- Konvektive Wärme: Schutz vor heißer Luft
- Strahlungswärme: Schutz vor Wärmestrahlung
- Kleine Spritzer geschmolzenen Metalls
- Große Mengen geschmolzenen Metalls
Der Code X1XXXX beim HyFlex 11-800 bedeutet also: nur auf Kontaktwärme geprüft, Stufe 1. Handschuhe, die nicht auf Flammenausbreitung geprüft sind, tragen seit der Ausgabe 2020 ein eigenes Piktogramm ohne Flamme.
Die EN 511 (Schneeflocken-Piktogramm) bewertet Kälteschutz mit drei Ziffern: konvektive Kälte (0 bis 4), Kontaktkälte (0 bis 4) und Wasserdichtheit (0 oder 1). Bei Stufe 0 für Wasserdichtheit muss der Hersteller darauf hinweisen, dass die Isolierung bei Nässe nachlassen kann. Passende Modelle für beide Bereiche finden Sie unter Hitzeschutzhandschuhe und Kälteschutz- & Winterhandschuhe.
Weitere Kennzeichnungen auf Schutzhandschuhen
- Lebensmittelkontakt: Handschuhe, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen dürfen, müssen die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 erfüllen und sind entsprechend gekennzeichnet, meist mit dem Glas-Gabel-Symbol.
- Elektrostatische Eigenschaften: Für Bereiche mit Brand- oder Explosionsgefahr werden Handschuhe nach EN 16350 geprüft.
- Haltbarkeit: Nach EN ISO 21420 tragen Handschuhe Angaben zur Rückverfolgbarkeit und zum Verfallsdatum hinter dem Sanduhr-Symbol.
Schritt für Schritt zum passenden Handschuh
- Gefährdung ermitteln: Grundlage ist die Gefährdungsbeurteilung. Welche Risiken treten auf – mechanisch, chemisch, biologisch, thermisch – und wie lange?
- Norm und Mindeststufen festlegen: Aus der Gefährdung ergibt sich, welche Norm erfüllt sein muss und welche Leistungsstufen nötig sind.
- Chemikalien abgleichen: Bei Chemikalienkontakt Sicherheitsdatenblatt und Beständigkeitsliste des Handschuhherstellers zusammen lesen.
- Arbeitsbedingungen berücksichtigen: Griff bei Nässe oder Öl, Fingerfertigkeit, Länge der Stulpe, Lebensmittelkontakt.
- Passform prüfen: Mehrere Größen vorhalten und anprobieren lassen. Ein zu großer oder zu kleiner Handschuh wird nicht getragen.
- Tragezeit und Wechsel regeln: Maximale Tragedauer festlegen und die Mitarbeitenden unterweisen.
Die DGUV Regel 112-195 betont außerdem, dass die Schutzwirkung gegen Chemikalien beim Hersteller erfragt werden sollte, weil allgemeine Beständigkeitstabellen häufig nur grobe Hinweise geben. An Bohrmaschinen und anderen Maschinen mit rotierenden Teilen ist das Tragen von Handschuhen wegen der Einzugsgefahr verboten.
Handschuhe und Hautschutz
Auch der beste Schutzhandschuh belastet die Haut, wenn er lange getragen wird. Die TRGS 401 stuft das Tragen flüssigkeitsdichter Handschuhe ohne Wechsel über mehr als vier Stunden pro Arbeitstag als belastend ein. Ab bestimmten Tragezeiten ist eine arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten oder vorgeschrieben.
In der Praxis helfen Unterziehhandschuhe aus Baumwolle, Tragepausen und ein Hautschutzplan. Mehr dazu, auch zur Wahl zwischen Nitril, Latex und Vinyl, lesen Sie in unserem Beitrag Handschuhe in der Reinigung: Material, Auswahl und Hautschutz. Ein Hinweis noch: Viele Gummi- und Nitrilhandschuhe enthalten Vulkanisationsbeschleuniger, auf die ein kleiner Teil der Anwender empfindlich reagieren kann. Ansell weist bei den betroffenen Modellen ausdrücklich darauf hin. Bei Hautbeschwerden gehört die Beurteilung zum Betriebsarzt.
Fazit: Die richtige Norm ist wichtiger als der richtige Name
Die Vielfalt bei Schutzhandschuhen ist kein Marketing, sondern Folge der unterschiedlichen Gefährdungen. Ein Handschuh ist immer für bestimmte Risiken geprüft und für andere nicht. Die Piktogramme und Codes zeigen genau das: Was steht dort, und was fehlt oder ist mit X markiert?
Wer die Codes lesen kann, trifft die Auswahl schneller und sicherer. Entscheidend bleiben die Gefährdungsbeurteilung, die Angaben aus dem Sicherheitsdatenblatt und die Herstellerinformation zum jeweiligen Handschuh. Gerade beim Chemikalienschutz ist die Durchbruchzeit kein Freibrief für eine ganze Schicht.
Für Montage- und Greifarbeiten ist ein Mehrzweckhandschuh wie der HyFlex 11-800 ein guter Ausgangspunkt, für den Umgang mit Chemikalien ein geprüfter Chemikalienschutzhandschuh wie der AlphaTec Solvex 37-675. Das komplette Sortiment finden Sie in der Ansell-Kollektion und im Bereich Arbeitsschutz.
Häufige Fragen zu Schutzhandschuhen und Normen
Was bedeutet der Code unter dem EN-388-Piktogramm?
Die vier Ziffern stehen für Abrieb, Schnitt (Coup-Test), Weiterreißen und Durchstich, der Buchstabe für die Schnittfestigkeit im TDM-Test von A bis F. Ein optionales P steht für bestandenen Stoßschutz, ein X für nicht geprüft oder nicht anwendbar.
Welche Schnittschutzklasse brauche ich?
Das hängt von der Tätigkeit ab und wird in der Gefährdungsbeurteilung festgelegt. Als Orientierung dient der TDM-Buchstabe: A und B stehen für geringen bis mittleren, D bis F für hohen Schnittschutz. Mehr Schnittschutz geht oft zulasten von Tastgefühl und Komfort.
Was ist der Unterschied zwischen Typ A, B und C nach EN ISO 374?
Typ A schützt mindestens 30 Minuten gegen sechs Prüfchemikalien, Typ B mindestens 30 Minuten gegen drei, Typ C mindestens 10 Minuten gegen eine. Welche Chemikalien das sind, zeigen die Kennbuchstaben unter dem Piktogramm.
Wie lange darf ein Chemikalienschutzhandschuh getragen werden?
Nicht so lange, wie die Durchbruchzeit auf dem Datenblatt suggeriert. Bei Körperwärme kann sie deutlich kürzer sein; das IFA empfiehlt nach Chemikalienkontakt höchstens ein Viertel der angegebenen Tragedauer. Laut TRGS 401 werden Chemikalienschutzhandschuhe spätestens arbeitstäglich gewechselt.
Was bedeutet PSA-Kategorie III bei Handschuhen?
Kategorie III gilt für Risiken mit sehr schwerwiegenden Folgen, etwa gesundheitsgefährdende Chemikalien. Solche Handschuhe werden zusätzlich in der Produktion durch eine notifizierte Stelle überwacht, deren Kennnummer hinter dem CE-Zeichen steht.
Schützt ein Einweghandschuh vor Chemikalien?
Nur, wenn er nach EN ISO 374 geprüft und entsprechend gekennzeichnet ist – und dann nur gegen die angegebenen Chemikalien für begrenzte Zeit. Dünne Einweghandschuhe eignen sich meist für Spritzschutz, nicht für längeren Kontakt mit Konzentraten.
